»Das heißt, – verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf, »ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt du wohl, daß ich kein Freund der Pfaffen bin. Ach du, – wenn wir noch Hussiten wären! Da wäre alles anders!«

Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur dunklen Moldau.

»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich toll werde. Und wenn die pamatka mistra Jana Husi[30] kommt, da weiß ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf, die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen gehaßt.«

»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit Hilfe Wenzels alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, wie er am Tage ihrer Vertreibung einen Jubelhymnus von der Kanzel sprach, das war herrlich!« Der andere seufzte.

»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde wieder zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine Weile schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den Arm um Samos Nacken und sprach: »Oh, Samo, wenn ich den Brüdern sagen könnte, wer du bist! Wenn ich jetzt auf unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte: Sehet da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen Kral der Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten Brüder an der Sprewja!«

»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder ist es, der Renegat.«

»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte der andere feierlich.

Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hell erleuchteten Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der Treppe bereits kamen ihnen einige Leute entgegen, die auch die tschechische Tschamarka trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. Die Tür eines großen Saales war mit Lindenzweigen und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen geziert. Die Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot und weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe Herbstlaub nahm sich bunt und schön aus auf dem grünen Untergrund von Tannenzweigen. An einer Wand war ein Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über der Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter waren die Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische weiße Löwe, der Adler Mährens, der schwarze schlesische Aar, der gekrönte weiße Adler Polens, auch das Schachbrettwappen der Kroaten und der doppelköpfige Aar der südslawischen Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war, daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen waren, die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und der Niederlausitzer rote Stier auf weißem Grund. Auf einer Seite des Podiums die rot-weiße böhmische Flagge, auf der anderen die rot-weiß-blaue »slawische Trikolore«.

Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in der böhmischen Tschamarka, viele in der komödiantenhaft bunten Tracht der nationalen Sokolvereine, hier ein Pole in der Konfederatka, dort ein Hanak in grellrotem Gewand mit blauem Mantel, da ein Bulgare mit der Tschubaramütze aus Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch und Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische Mieder, mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, viele haben Kränze von Lindenlaub im Haar.

Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen slawischen Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die tschechische Sprache völlig beherrscht, wird von seinem Freunde Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt, von allen mit großer Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt.