Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen Brüdern an der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin in Sachsen noch eine ganz slawische Stadt sei, und ob die Lausitzer auch nie vergessen würden, daß sie zu Böhmen gehören, slawisches Blut zu slawischem Blut, slawisches Land zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die nördlichen Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der Wand andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen mit leuchtenden Augen die Hand.
Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: »Svaty Václave«.
»Heiliger Wenzeslaus,
Herzog des Böhmerlands,
Du unser Fürst,
Bitt für uns bei Gott!«
Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber sie denken wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der so demütig war, daß er den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, aus dem er die Hostien buk, daß er den Wein selbst kelterte, den er zum heiligen Opfer brauchte. Vergessen das Bild frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten der geistige, politische Führer geworden, weil er der Träger der Wenzelskrone war.
Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten Krone, die dort zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu sehen ist; der milde Heilige ist zum Bannerträger geworden, zum Schutzpatron im Kampfe gegen die Deutschen; und in dem Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von der Schönheit des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um politischen und sozialen Sieg.
Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich junger Mann besteigt die Rednertribüne.
»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die slawischen Brüder«, die zum Teil weither gekommen seien vom fernen Südland, wo der rohe Türke die Brüder knechte seit Jahrhunderten, und vom Norden, wo es am Fluß der Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe.
Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. Der sitzt regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; aber er bringt es nicht fertig, weil ihm im gleichen Augenblick sein Vater einfällt, der ein zufriedener Preuße ist.
Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit, Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige Übermacht! Denn geistig waren die Slawen den Germanen immer überlegen!