»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in dem deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden für starkes, echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. So habe ich auch den Karlstein noch nicht gesehen.«

Das Auge des Alten strahlte.

»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die die Mauern bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt aus Glas, aber doch ist der Karlstein noch immer unsere Gralsburg, wie sie Meister Mathias von Arras schuf. Ich denke jetzt nicht an die Rittersäle, die großen Höfe; an eine der Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und ich sehe, wie Karl IV. barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier eiserne Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig Lichtern, indes der Probst die Messe zelebriert. Die vergoldeten Wände funkeln, die Jaspise und Karneole blitzen, durch die Halbedelsteinfenster fällt das Licht hinaus ins Land, bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn sie lebten, die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen, die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im Hochaltar, hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, die Insignien des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der als Kaiser das ganze deutsche Reich beherrscht, liegt hier auf den Knien, betet zu Gott um Schutz für die Krone, und draußen ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal: ›Bleibet der heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil und Tod!‹«

Über der Kapelle prangt die Schrift:

»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis zum letzten Tage[34]

»War das nicht eine große, schöne Zeit?«

Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnen an. Sein Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von vielen anderen Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und weltlichen Reliquien kostbarer Art.

»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo.

»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn eilends davon. Zweifel macht arm und verödet das Herz; er ist der Bilderstürmer im Dom unserer Seele, dessen Altäre er entkleidet und von dessen Wänden er Glanz und Schönheit nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind harte, nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit nennen, der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster fährt, kann uns nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten beraubt ist und die ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, Pán Samo, an alten Symbolen hängt der Gedanke, und der Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen schauen aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu träumen wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne Neid von dem Glanz der Wenzelskrone gehört, ich habe mit Freude davon gehört; aber es ist doch bitter, wenn ich daran denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes Volk war. Kennt Ihr die Sage vom Wendenkönig?«

»Ich kenne sie.«