Samo zuckte die Achseln.

»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was zu tun ist und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum in der Lausitz zu erhalten, bis die deutsche Kluft, die zwischen uns und den Tschechen liegt, überbrückt ist, mit einem Wort, das Wendentum zu konservieren, bis das deutsche Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben unmittelbaren territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen haben.«

»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte Krok begeistert. »Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt ihr in letzter Stunde unterliegen, da der Sieg so nahe ist? Ja, ihr seid auf einem gefährlichen, auf dem bedrohtesten Vorposten; aber, ihr Brüder, ihr seht doch, daß euch die siegreiche Hauptarmee Stunde um Stunde näherkommt!«

Samo entgegnete finster:

»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die Verhältnisse liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die stolzen Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon haben, wird angezweifelt, soll vernichtet werden.«

»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! Nur nicht an die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von ihrem unermeßlichen Wert reden. Gestattet, daß ich in einem Gleichnis spreche. Seht, da war eine Edelfamilie, die hegte als großen Schatz einen alten, goldenen Ring. Den Ring, so erzählte die Familiengeschichte, habe ein Ahn von einem edlen Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler Art, er war in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, daß er das Herz seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm eines Tages die Freiheit schenkte und ihm den Ring mitgab mit den Worten: »Denke meiner in deiner Heimat, du bewunderungswürdiger Mann, gönne mir ferner deine Freundschaft, die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in der Familie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt ihn dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der Jüngling gelobte bei dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er in die Welt ging; die Jungfrau bekam ihn bei der Trauung an den Finger gesteckt; der Sterbende trug ihn an der Hand, wenn er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott aufhob. – – Da erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein Gelehrter, prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert und offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit stolzgeblähter Brust und dem eitlen Gedanken, er habe diesen Leuten die historische Wahrheit gebracht. – Wißt Ihr, Pán Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war? Was war der Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele Generationen wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser Aufklärer!«

Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg eine Weile, dann aber sagte er mit gepreßter Stimme:

»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen Ring entwerten.«

»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher sei er geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán Samo, mit allen Mitteln entgegenstehen!«

»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok die Hand.