Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw beim alten Krok. Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen Wein gebracht, wie Samo noch nie zuvor getrunken hatte. So war auch er mitteilsamer geworden und hatte von seinen letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause erzählt. Der kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und so wie seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegen Juro, den »Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo erzählen, selbst seine Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg er nicht.
Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner Sammlungen. Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten Slawen, aber auch mit der strahlenden Freude des erfolgreichen Sammlers, dem die Eitelkeit nicht fremd ist.
Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen Männer, den Worten des begeisterten Alten zu lauschen, der an oft unscheinbaren Dingen in leuchtenden Einzelbildern böhmische Geschichte entwickelte. Andenken aus der Zeit der Kämpfe des Christentums und Heidentums; ein Pilgerstecken, den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige, große Held, große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den Böhmen flüchten mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin Drahomira, die von der Erde verschlungen wurde; Kriegstrophäen aus den Kämpfen mit den Polen und Ungarn; eine Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas; ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der im Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben verlor; ein Schild aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von Kärnten verjagt wurde; ein Evangelienbuch der ketzerischen Beguinen; viel Andenken an den Vater Böhmens, Karl IV., darunter ein Teil der Biographie, die dieser Herrscher über sich selbst schrieb. Endlich vielerlei historische Andenken aus der Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen Krieges: Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins; dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte Stickereien, alte Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, bunt gemalte Abschriften aus Benediktinerklöstern, Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen, Petschafte.
Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer und einem anstoßenden großen Raum untergebracht.
Samo staunte über den Reichtum.
»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle Winde; aber dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!«
Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen reichten in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war über Erwerb und Herkunft der historischen Reliquien genau und treulich berichtet.
»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, Kostbare, Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er lebte mehr in Wien und Paris, als unserem Familiengut günstig war. So ging es verloren. Burg, Dorf, Wald, Feld mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb gerade genug, nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber mir blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben, nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare Steine er ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein Schlemmerleben zu haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, der die silbernen Apostelfiguren zu Talern einschmelzen ließ und dabei die lästerlichen Worte sprach: ›Gehet hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein Vater hat mir keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.«