Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden hineinrückten, wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge wollten fortgehen, aber der Alte hinderte sie und wurde heftig, als sie abermals davon sprachen.
Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl aus auf Samo. Als draußen der Tag schon graute, sprach er:
»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist es nur für ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für andere, dann muß der Mensch Erben seines Geheimnisses suchen. Ich bin alt, und eines Morgens, wenn der Tag graut, wird er mich tot finden bei diesen Reliquien, ich selbst eine Reliquie, das geringwertige Überbleibsel einer alten Zeit. Was Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier verwahrt sind, ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure Herzen schreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein für den Fall meines Todes.«
Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht des aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen Kopf. Und Krok sprach langsam und feierlich:
»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure Seelen mit meiner Seele rückwärts wandern den ganzen heißen, arbeitsreichen Tag der böhmischen Geschichte entlang bis zu der Stunde, da das herandämmernde Licht der beginnenden Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über das Land schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der Gerechte, gab das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle Töchter. Als er zum Sterben kam, wußte er nicht, welcher der drei Töchter er das Reich vererben sollte. Und er warf das Los, und das Los fiel auf Libussa, die weiseste und machtvollste der Königstöchter. Libussa gründete die Stadt Prag und regierte klug und streng. Die Böhmen waren glücklich unter ihr, aber eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen Gatten nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem eisernen Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll König sein!‹ Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und dieses Roß setzte sich an die Spitze der Schar und schlug den Weg ein gen Staditz.
Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da saß ein Bauer auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; die Lerchen sangen, das Gras und die junge Erde dufteten. Der Bauer saß lachend auf dem Felde und aß sein Frühstück von der blanken Pflugschar. Da wieherte das Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten nieder, und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher Przemisl hieß, stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog nach Prag und wurde der Gatte der Königin. Libussa ließ ihm eine silberne Krone machen; sie selbst aber trug eine goldene Krone, denn sie war an Macht über ihm. Jahrhundertelang haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die Schicksale Böhmens gelenkt.
Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam erzogen, und die Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, empörte sich gegen die Herrin, gewann ein Heer von Frauen und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete bis ins Riesengebirge, und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre goldene Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den Bergen springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone noch jetzt. –
Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten nach seiner silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« –
Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem Nachdenken da. Dann sagte er:
»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!«