Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer Zeit zurück.
»Kommt.«
Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern angefüllt war, und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar war, weil Krok eine große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen hatte. Krok öffnete die Tür, und die Jünglinge blickten in eine Kapelle.
Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen Lampen glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, darauf war ein Tabernakel. Rundum die Wände waren mit Stickereien und seidenen Tüchern behangen, ein großer Teppich bedeckte den Fußboden. Viele Bilder schmückten die Wände. Gestalten aus der Heiligen- und der profanen Geschichte Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius, die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das große Bild Karls IV., ein Bild von Libussa und von Przemisl am Pflug. Diese Gemälde hingen über dem Altar; in der Mitte war ein altes, eisernes Kreuz. An den Seitenwänden die Taufe Borzivois, die Gründung des Bistums Prag durch Boleslaw den Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl Konrads II.; die deutschen Kaiser Heinrich IV. und Barbarossa, die Böhmen die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter Orden, die sich um das Land verdient machten; mehrere Bilder des großen Ottokar: als Herr in Kärnten, als Gründer der Stadt Königsberg, sein Tod auf dem Marchfeld; dann die Ermordung Wenzels III., des letzten Przemisliden. Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder Erinnerungen an Karl IV.: die Moldaubrücke, der Karlstein, die Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische Universität. Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter und Redner sind vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, der »böhmische Cicero«, der Hofpoet Simon Lomnicky.
Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder aus der Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos Comenius, der Brüderbischof. –
Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche sind billige Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres Kunstwertes wegen da. –
Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die Worte geschrieben: »Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz techto klenotuw, ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!«
Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür stehen. Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein Wort zu sprechen vermochten. Auch Krok stand stumm neben ihnen. Erst nach langer Zeit sagte er in tiefer Ergriffenheit, leise flüsternd:
»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!«
Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!«