Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die ehrbare pšaza Hankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert. Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.
Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die noch zu ihrer pšaza gehörten, mit ihren Spinnrädern und Flachsrocken. Bald saßen alle Mädchen in einer Reihe im Halbkreis, und die Rädlein schnurrten und die Mäulchen schnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und dabei spinnen, spinnen!
Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, kernige Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite Röcke haben sie alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, manche hat einen besonders feinen Brustlatz aus Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe gewunden mit weitausgreifenden Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine schöne Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald den rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor.
Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; außerdem brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich und traulich ist es in der Spinnstube, indes draußen der Sturm über die Heide pfeift oder der Regen an die kleinen Fenster klopft, leise wie mit Geisterfingerlein.
Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada[43] des Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr des Gemeindedieners, des Dorfschmiedes und des Nachtwächters ab. Entblößten Hauptes müssen sie am 21. Dezember im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre Wiederanstellung bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie solche erhalten haben.
Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er hat zwar im Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen und etwas gebrummt, was man bei viel gutem Willen für eine Bitte um Wiederanstellung hätte halten können, aber er ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter auf ein neues Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft, ja er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in einem greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser Nachtwächter!
»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter eines der starsi[44].
»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, »da werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter kriegen sie nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht bekommt. Dafür möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.«
Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« gähnte und schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten.