Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, verzichte ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die Erbfolge an der wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten des zu erwartenden Kindes meines Bruders Samo und seiner Frau Hanka.

Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken!

In Liebe: Dein Sohn Juro.

Drei Tage später stand der alte Hanzo unter der Tür seines Sohnes Juro. Er hielt den Hut in der Hand und sagte: »Darf ich zu euch herein? Ich möchte zu meinen Kindern.«


Sommer 1866. Der Deutsche Krieg brach los. Die preußischen Heere drängten durch die Pässe des schlesischen Gebirges und zogen den Elbstrom hinab nach Böhmen. Auch die Wenden zogen in den Kampf. Was diesseits der preußischen Grenze war, für Preußen, was drüben in Sachsen wohnte, für Österreich. Das Völkchen der Wenden in zwei Lager zerrissen. Da standen sich oft Bruder und Bruder gegenüber. Der alte »Kral« Hanzo litt schwer in diesen Tagen um sein kleines, getrenntes Volk.

Juro machte den Feldzug als preußischer Militärarzt mit. Er war einem Regiment, in dem besonders viele Wenden waren, als Hilfsarzt zugeteilt.

Und wo er auf dem Schlachtfeld einen fand, der seine Schmerzen in wendischen Lauten beklagte, da fragte er nicht: »Sprichst du auch Deutsch?« Da kniete er bei ihm nieder und erquickte ihn nicht nur mit ärztlicher Hilfe, sondern auch mit dem süßen Trost der Muttersprache.

Ganz gleichgültig ist es auf dem Felde der Leiden, auf welcher Seite der verwundete Mann gefochten hat. Juro, der auf der Sprachgrenze der Obersorben und Niedersorben aufgewachsen war, erforschte mit feinem Ohr die Gegend, aus der der Verwundete stammte, und sprach zu ihm in seinem heimischen Dialekt, und ehe es ans Sterben kam, betete er mit dem Mann aus dem Oberlande: »Wótcě naš, kiž sy w njebjesach« und mit dem Mann aus Niederland: »Woschz nas, kenž sy na niebju«, und es hieß immer: »Vater unser, der du bist im Himmel.« – Da trat mitten im großen Völkerschicksal das eigene Schicksal wieder an Juro heran.

Als der Krieg eben sein rasches Ende gefunden hatte, schrieb ihm ein Freund und ärztlicher Kollege aus Königgrätz: »In unserem Spital liegt dein Bruder Samo. Er ist bei Sadowa im böhmischen Heer schwer verwundet worden. Er nennt sich Wenzel Halek. Aber ich kenne ihn doch von früher. Wenn du ihn noch sehen willst, eile – er ist verloren!«