Das ist die Sage vom Kral, die durch tausend und viele Jahre im Wendenvolk lebt und die an dem Abend, da Hanzos Frau am Sterben war, wieder lebendig wurde, von den Heidewiesen des Oberlandes an bis tief hinunter in die Strohhütten an der Spree, so daß sich die Fischer im Niederland wie die Hirten im Oberland es zuraunten: »Die Frau des Kral stirbt.«
Wieder einmal stand das Volk an einer Wende. Nur wenig änderte der schmale Weg, den seine Geschicke durch das Land der Geschichte nahmen, seine Richtung.
Nur die Frau des Kral starb. Ein derbes, tüchtiges Bauernweib ging dahin. Der Kral selbst lebte.
Er ging durch den Hof und durch die Zimmer so steiffeierlich wie immer. Nichts war anders an seiner hohen Gestalt. Und die schmalen Lippen des bartlosen Gesichtes waren so fest, so ohne sichtbare Linie des Grams zum Schweigen aufeinandergepreßt wie in den Tagen der Freude, wo auch kaum ein leises Lächeln um seinen Mund, ein heimliches Leuchten in seine Augen kam.
Nur die Frau des Kral starb!
Aber sie war für den Königsgedanken wichtiger als alle. Ihre Frauenseele hatte das große Geheimnis am besten betreut. Weil ihre Kindlichkeit an alle jene nationalen Wunder am festesten glaubte. Nicht, daß sie die Hoheit des Gedankens erfaßt hätte. Sie war keine Heldin, sie war eine Hausfrau. Sie hütete den Königsgedanken wie ein kostbares Erb- und Prunkstück.
Es war ein Unglück für wendisches Volkstum, daß diese Frau starb. Die alte Art fing an zu vergehen. Die jungen Burschen lachten über den Nachtjäger; und wer bei der Garde gedient hatte, erwartete vielleicht, daß ihn sein Kral grüße. Die Mädchen, kaum fürchteten sie noch. Und die alten Sagen standen nur lebendig wieder auf, wenn etwas Schreckliches kam: ein wildes Wetter, der bleiche Tod oder die bleiche, unglückliche Liebe.
Dann wurden auch für die jungen Herzen die alten Wunder wieder wach. –
In lichten Augenblicken, wenn das Fieber etwas nachließ, betete die Frau mit lauter Stimme zu ihrem Herrn und Heiland Jesus Christus. Sie hatte jenes Christentum, das den Alten eigen war, die im Walde immer noch ihre heidnischen Geister huschen hörten, wenn sie gläubig zur christlichen Kirche schritten, oder wie jene Heilandsleute, die in Christus den größten Helden und in seinen Aposteln Ritter und Reisige voll Kraft und Mut verehrten.