Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. Die große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein Sonnenmeer von Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet.
Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er sie selbst das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle erst dann recht und wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich bemühen, zu lehren, wie wir immer dann den rechten Weg am ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem andern zeigen wollen.
Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im Herzen Juros, und er sprang auf und ging weit den Waldweg entlang, kam ganz langsam zurück. Die tote Mutter, die Braut, sein ganzes bisheriges Leben mit allem Großen und Kleinlichen waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro den Waldweg auf und ab wandelte.
Endlich blieb er vor Elisabeth stehen.
»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, die hart klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und Feigling zu sein. Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles nicht so, wie es ein feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist leibliche und körperliche Not. Da ist Dummheit und Aberglaube und neben der Knechtseligkeit die heimliche Großmannssucht. Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren Plunderformeln die Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen die Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und die Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten Gewässer wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich für Schiffer. Mit ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum nächsten Wochenmarkt, wo sie der dämlichste deutsche Händler übers Ohr haut. Bücher haben sie nicht, es seien denn jämmerliche Übersetzungen. Und die sind noch in fünffacher Orthographie. Da gibt es eine oberwendische, eine niederwendische, eine tschechische, eine evangelische, eine katholische Rechtschreibung. Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als ein ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, wo jeder Wende geschlagen werden durfte. Es ist heute noch nicht viel besser. Immer in die Heide gedrückt bleibt der Wende, immer auf der mageren Scholle sitzt er. Und wenn er einen Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon stolz sein Haus. Die Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses Volkes. Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus Hunger oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. Wäre ein guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meine Mutter lebte noch! So ist sie gemordet worden durch die gutmütige Unvernunft, die bei uns Volksreligion ist. Nicht wahr, und einem solchen Volk den Rücken zu kehren, das ist leicht? Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert sich, bürstet sich den Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein feiner Mann!«
Juro lachte höhnisch über sich selbst.
»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen über mich kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille ist Feigheit der Schwäche gegenüber. Also die elendeste Feigheit. Das weiß ich jetzt. Aber ich war ein Feigling. Ich wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir ein nettes deutsches Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier in der Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten von reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht mehr um die Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine Schurkerei! Und die ist mir erst aufgedämmert, als meine Mutter starb, und ist mir jetzt völlig klar geworden, da ich dir diese Kralssage erzählte.«
Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang bald wieder auf.
»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. An Samo! An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf dem Gute hausen würde, ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen Mäulern die Hand lecken ließe, der das Volk sorgsam in seinem Aberglauben lassen und sich das obendrein als eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der verfluchte Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat, daß alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten – die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, Juden –, daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und sich – das will ich ja zugeben – auch dazu berufen fühlten. Keiner kam, der das Volk ans Licht führte, keiner, der den Leuten die frohe Kunde brachte: Ihr, ihr das Volk, seid die Hauptsache, ihr sollt reich, stark, gesund, klug sein, ihr sollt euch wohlfühlen, und die Regierenden sollen sich abrackern, wie sie das zustande bringen! Es ziemt sich nicht, daß der eine Mensch wohne wie ein Gott und der andere wie ein Tier, und überall, wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer Götzendienst, auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am Ende, wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten Götzen! Arme Slawen!«