Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so erregt sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission über ihn gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen der Tradition ein Wundertrank geschöpft worden war, der den Blinden sehend, den Träumer zum Helden machte.

Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen.

»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« fragte sie langsam.

Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum.

»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so sprechen? Weißt du nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht deinethalben! Ich hatte sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre Stärke, ihre Gründlichkeit und verlässige Pflichttreue, ihren starken, wunderbaren Fleiß. Ich vergöttere ihre Kunst und finde auch einiges Hübsche in ihrer Geschichte. Ich wohne in Preußen, ich habe alles, was ich körperlich und geistig besitze, von Preußen. Also bin ich ein Preuße! Nicht, daß ich die Fehler dieses Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes Spartanertum nicht oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser bei ihnen als bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei den Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor den selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den Slowaken, Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd in ihrer Armut dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der Bettlerhand drohen; besser endlich als bei den Tschechen, die es trotz ihres reichen Landes, trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten auf keinem Gebiet über die Mittelmäßigkeit hinausgebracht haben. An alle diese soll mein Wendenvolk keinen Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der Anstrengungen, die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden, trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter uns.«

Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. Er war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, der gern Ideen, Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits ein Deutscher. Das Mädchen war klug und ernst. Es war wohl fähig, solchen Worten zu folgen, aber ihr Herz war jetzt weit von den Schicksalen slawischer Stämme, es war nur bei dem einen, der sprach, und bei ihrem eigenen Schicksal.

»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie.

Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam.

Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten bemerkt hätte.

»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; ich glaube nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller Heimlichkeit zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn daran, einige mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die Erhaltung dieser uralten Tradition. Alle, bis auf mich! Ich halte solche Traditionen viel eher für ein Hemmnis als für eine gesunde Wurzel. Und deshalb wollte ich meiner Wege gehen. Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz überlassen. Bis die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte Volkssage erzählte und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich der Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, das Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.«