Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne brannte ihm dabei auf den Rücken, und nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er seine Gitarre und sang ein neues Lied:
»Ich bin ein Minnesänger
Und komm aus Morgenland,
Die schönsten Saitenklänger
Rühr ich mit meiner Hand.«
Trara! Trara! fingen die Wächter auf den dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend, daß die nächsten dreizehn Strophen des Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen Schimmel gehört werden konnten. So brach der Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle.
Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue Schleier darüber. In den Händen hielten sie Rosen und bunte Blumen.
Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf und begannen mit glockenhellen Stimmen zu singen:
»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen,
Du Ritter im Sängerkleid,
Viel Frauenaugen sie kosen
Die Stirne dir, von Musen geweiht.
Da schläft wie in heiligen Schächten
Der edlen Gedanken Gold,
Da blüh'n wie in Wundernächten
Die Märchenblumen so hold,
Da ist das tiefe Verstehen,
Das tiefste Erbarmen zu Haus,
Da wohnt das geistige Sehen
In Weiten und Zeiten hinaus,
Da hat seine heimlichen Bronnen
Der Schönheit gewaltiger Strom,
Da hat sich der Herrgott ersonnen
Der Menschheit heiligen Dom.«
O, war das noch ein Klang? War das noch eine Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln, das vom blauen Himmel heruntertaute? Die Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie Engel im reinen Licht, als sie das sangen.
Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt näher kamen, rief er:
»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut meine Stirn nicht an!«