Jahrelang wanderte der Müller durchs ganze Land. In allen Herbergen, auf allen Straßen fragte er nach Reinhard und Jakoble. Er fand sie nicht. Oft glaubte er, eine Spur zu haben, doch er verlor sie immer bald wieder. Oft auch beschloß er heimzukehren; aber er fürchtete sich. Vielleicht war inzwischen seine Mühle abgebrannt, seine Trudel gestorben; vielleicht war auch sein Besitztum verpfändet und sein Kind davongetrieben worden in die weite Welt. Das hätte er nicht ertragen; viel lieber wollte er suchend durch die ganze Welt irren, um am Ende doch noch, wenn er seine Schuld gesühnt hatte, Reinhard zu finden und für sich und sein Kind das Glück zurückzugewinnen.

So wurde der Müller wirklich ein Bettler.


Nach Jahren, als seine Haare und sein Bart lang und grau geworden waren, kam er in eine Stadt und setzte sich müde auf eine Bank, die unter einer großen Linde war. Ihm gegenüber war ein schmuckes, ansehnliches Haus, davor hing ein blinkendes Becken, wie es die Barbiere als Aushängeschild haben. Über der Tür stand: Heinrich Bimske, Frisier- und Rasiersalon. Im Fenster, an der Tür und an den Wänden waren große Plakate, darauf stand in fetten Lettern zu lesen: »Bimskes Universalsalbe!« »Bimskes unfehlbares Haarwasser!« »Bimskes wohlriechende Mundpastillen!« »Bimskes weltbekanntes Zahnschmerzmittel!« Und so waren noch viele Schilder und eines in roten Buchstaben lautete: »Alles eigene Erfindung«! Auch wurden »Wahrsagen«, »Hühneraugentod« und eine wunderbare »Wünschelrute« angezeigt.

Nach einiger Zeit trat ein gelenkes Männlein aus dem Laden, kam auf den Müller zu und sagte:

»He, Herr Nachbar, Ihr seid wohl hier fremd? Wollt Ihr Euch vielleicht Kopf- und Barthaar scheren, Schröpfköpfe setzen oder wahrsagen lassen? Alles schmerzlos und konkurrenzlos billig! Erste Firma am Platz.«

Der Müller schüttelte den Kopf; aber dann fragte er schüchtern, was wohl das Wahrsagen koste.

»Von 25 Pfennig an aufwärts!« erwiderte das Männlein flink; »kommt ganz auf die Qualität an, mein Lieber. Aber da ich sehe, Ihr wollt nicht viel ausgeben, und da jetzt gerade stille Geschäftszeit ist, kommt nur mit! Fünfzehn Pfennig wird Euch für einen klaren Blick in die Zukunft nicht zu viel sein.«

Der Müller kramte in seinen Taschen, brachte fünfzehn Pfennige Kupfergeld zusammen und ging mit dem Barbier in eine Stube, wo es recht kunterbunt aussah von allerhand geheimnisvollen Dingen, als da sind: Totenköpfe, Eulen, Phiolen, und Siedekessel, seltsame Waffen, Urnen, alte Bücher. Vor allem aber fiel dem Müller ein Kästchen auf, das auf das Haar jenem Kästchen ähnlich war, das er einst unter dem Apfelbaum daheim ausgegraben und das ihm erst so viel Glück und dann so viel Kummer und Herzeleid gebracht hatte.