Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde, das ging gegen seine Ehre!

Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand hinüber und wünschte, die Schweden möchten kommen und die Frechlinge, die unten auf der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen; es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln in den Gliedern, wie einem Bauern, der zur Treibjagd war, die Schrotkörner. Damals hat der Turm die Schweden als die Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen, als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt wünschte er sie sich her. Die würden schon die bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten, vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken.

Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten ihr Werk und zogen mit einer anderen Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein. Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin angebunden.

O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen; ja, was nutzte ihm sogar sein größter Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen, war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt, wie spät es sei. Schöne Zeit war das!

Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre, seine frohe Laune. Er war angebunden! – – –

Der Abend kam. Durch die Mauerluke des Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen, und ein paar kalte Tropfen rannen über seine großen Augen.

Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen? Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt, wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er nicht in wilden Sturmnächten, wie in den Blütenstunden des Mai Wache gestanden an ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden Segen. – – –

Ein paar Tage vergingen. Wieder war es Abend.

Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen. Aber in seiner Stimme war ein Klang von Trauer und Herzeleid. –