»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das Kind tot – ist es tot!«

Da sprach der Kantor etwas, was der Turm durchaus nicht verstand; er sagte:

»Ich werde dem Arzt telephonieren!«

Und er zog die weinende Annemarie mit sich fort. – – –

Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms war schon ein bißchen morsch, und er mußte sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich fein geblieben.

O, was war das für ein wundersamer Abend! Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand, hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors. Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof, nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert, aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte, der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus.

Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war; der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei Diphtherie, er werde sofort kommen und das Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund werden.

So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen in seinem langen Leben, und als eine Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden und Herzbeklemmung.

Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen:

»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde war keine Zeit zu verlieren.«