Darauf wurde ein großes Freudenfest gehalten. Alle Bürger zogen auf die grüne Alm, die in der Nähe von Ameisenfeld war. Dort wurde die große Fingerhutglocke geläutet. Dann wurden die Blattläuse gemolken. Alles Volk trank sich ein Räuschlein an, und schließlich sprach man mit einer gewissen Liebe und Achtung von dem Igel, dem allein dieses fröhliche Fest zu verdanken war.
Eichenhofen.
Der große Baum, der Eichenhofen seinen Namen gab, war so schön und gewaltig, daß mein Freund Heinrich behauptete, das sei dieselbe Eiche, die Bonifacius einst bei den alten Hessen umgehauen habe. Ich glaubte dies eine Zeitlang, dann aber kam mir der Gedanke, unsere Eiche werde vielleicht doch nur der Sohn von jener berühmten Donarseiche sein. »Nein,« sagte Heinrich, »Sohn ist viel zu jung; wenn sie es nicht selbst ist, dann ist sie ihr Vater!«
Dabei blieb es, und das war nun historisch.
Eine grimmige Feindschaft hegten wir gegen vier Waldarbeiter, die einst, um uns zu verspotten, sich die Hände reichten und einen gemütlichen Tanz um unsere Eiche ausführten, wo wir doch bestimmt festgestellt hatten, daß der Baum von sieben Männern nicht zu umspannen sei. Wir setzten uns über das höchst ärgerliche Vorkommnis nur dadurch hinweg, daß wir uns sagten, die Arbeiter seien betrunken gewesen und darum »gelte« ihr Tanz nicht.
Eichenhofen war rings von Brombeer- und Himbeerhecken eingefaßt; auch viele wilde Rosen blühten an seinen Grenzen. Da dachten wir oft an Dornröschens Schloß, und jeder brach gern und kühn durch die Dornenhecke, zumal zur Spätsommerzeit, wenn die Beeren reiften. –
Die »Traumstadt« nannten wir Eichenhofen auch manchmal. Da gab es einen Moosplatz, auf dem die Käferlein stolzierten und eitel ihre funkelnden Röcke zeigten, eine Rosenstraße, wo unter lauter lieblichen Heckenröslein sich das Volk der haftenden Bienen und der sammetröckigen, vornehmen Hummeln tummelte, eine Hirschstraße, die tief ins Dunkel des Waldes ging und auf der wir einmal zu seinem und unserem Schrecken dem König des Waldes begegneten.
In Eichenhofen ersann ich mein erstes Märlein, dort klangen die ersten Verse in meiner Seele. Ich erfand eine Geschichte von dem Brünnlein, dessen Wasser im Mondschein zu goldgelbem Wein wird, von dem die Gnomen ihr Schöpplein trinken, und wenn Heinrich und ich fortan aus dem Brünnlein tranken, sahen wir uns oft an und sagten: es schmeckt wirklich wie Wein. Ich konnte das um so eher sagen, als ich damals noch nie einen richtigen Tropfen Wein getrunken hatte.
Einmal, als ich ein Gedicht gemacht hatte, das ich Heinrichs Mutter, unserer »Fee«, vorlas, küßte sie mich auf die Stirn, flocht einen Eichenkranz, setzte ihn mir auf den Kopf und sagte: »Gott segne dich!« Da war es wirklich, als ob ein tiefer Segenstrom von dem grünen Kranz aus durch meine Seele ränne; ich stand ganz still da und ging dann bald nach Hause. Dort hängte ich das Kränzlein über mein Bett, rund um das kleine Kreuz herum, das dort war, und wenn ich fortan mein Abendgebet sprach und den Kranz sah, betete ich immer einen Satz mit: »Lieber Gott, laß mich ein Dichter werden.« Ich sprach aber die Worte nie aus, ich dachte sie nur; ich schämte mich, sie zu sprechen.