Kreischend wichen die Weberleute beiseite, Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der Straße an und begab sich in mäßiger Eile von dannen.

Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen und einsam in meiner belagerten Baum- und Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine Position ließ sich nicht länger halten. So klomm ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte schüchtern:

»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse, ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei, drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm hinab.

Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen und barbarisch behandelt. Als ich wieder zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade. Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel in der Schule. Das war ein unabwendbares Naturereignis. Was aber mir passiert war, das hielt Gedeon für ehrenrührig.


Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft aus; er war nicht nur unser König, er war auch der oberste Priester.

Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt, nach dem jede zehnjährige männliche und jede achtjährige weibliche Person seines Reiches ein Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare; er hatte seine eigene Frau Judith entlassen, weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen. Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte, aber zu einer Empörung kam es nicht.

Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht, und ich hatte mich am Gründonnerstag als Feriengast im Hause des Onkels eingefunden. Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau, eine Verwandte der Müllerleute.

Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines. Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein Vater war Postschaffner, das war noch mehr als Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule gehen und alle fremden Sprachen lernen würde.

Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam und richtete die großen blauen Augen in die Ferne, nach der sie Heimweh hatte.