Die makkabäische Mutter brach den Bann. In ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin, und nach und nach suchten sich auch die Jungen durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit, indem er der Feinen als Geschenk einen alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte.
Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm etwas auftauchen könne, das derart imponiere. Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich. Er versammelte das ganze Volk im Garten und führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte, daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte sie nur:
»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine Frau sich eine große Stange ganz frei auf die Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte und oben turnte. Und die Stange wurde nicht gehalten und fiel nicht um.«
Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O, das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte, die sich die Stange auf die Brust stellt.«
Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus: viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel und vom Kamel, von schönen Engelein und drolligen Affen, vom Königssohn und vom Nilpferd.
Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon keine Worte, stand stumm unter seinem Volk, fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es an den Schultern und sagte: »Du – du bist eine dumme Gans!« Und ging davon.
Eine Stunde später rief er abermals das Volk zusammen und sagte: »Wer noch einmal – noch ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus, und der darf nie mehr mit uns sein!«
So tat er die Fremde in die Acht.
Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden vorübergegangen war und sie kein Wort über seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte Gedeon hin und her und landete immer und immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten, der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit wachen Augen träumend da. Und sprach leise und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!« Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas – was ich nicht für möglich gehalten hätte – hörte ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte.