Droben in ihrem Stübchen saß Lene Raschdorf und schrieb einen Brief. Dieser lautete:
Lieber Hannes!
Die Liese geht zu den Grauen Schwestern. Der Mathias sagt, sie habe Beruf und gehe gern ins Kloster. Aber ich weiß, daß die Liese unserem Heinrich gut gewesen ist und daß er sie nicht gemocht hat. Er sagt, er wäre mit ihr unglücklich geworden. Das ist aber nicht wahr, denn die Liese ist ein braves, tüchtiges Mädchen. Und er hat es bloß deshalb getan, weil er in die Lotte Schräger vernarrt ist und sie gern heiraten will. Lieber Hannes! Das ist eine solche Schande, daß der Heinrich so etwas tut und daß er unserem guten Mathias solches Herzeleid macht, daß er von jetzt ab nicht mehr mein Bruder ist. Und deshalb schreib' ich an Dich, daß ich Dich heiraten werd', wenn Du vom Militär los bist und wenn wir ein Auskommen haben. Ich denke, Du gehst in die Kohlengrube. Wenn Du Dich eingerichtet hast, verdienst Du 15 Mark die Woche. Und ich werde für die Leute nähen. Da werden wir schon auskommen. Lieber Hannes! Ich will Dir heute schreiben, daß ich Dich lieb hab' und auch wirklich gern heirate. Aber damals, als Du von der Gestellung kamst, konnte ich es Dir nicht sagen, denn ich dachte, ich müßte immer beim Heinrich bleiben und ihm helfen und beistehen, wie es immer war. Aber Heinrich ist schlecht und verdient's nicht, und deshalb gehe ich fort, und es ist mir ganz egal, was jetzt aus unserem Hofe wird. Ich fahre zur Tante Emilie nach Waldenburg. Dort werde ich auch das Nähen lernen und bleiben, bis wir heiraten. Lieber Hannes! Du mußt mir aber versprechen, daß Du immer brav und ordentlich sein wirst, damit wir auskommen. Sonst sollst Du aber lustig sein, denn das habe ich an Dir immer gern gehabt, weil ich selber nicht lustig sein kann. Und ich werde Dich auch nicht ärgern, sondern gut mit Dir sein.
Besten Gruß
Lene Raschdorf.