Seit der Zeit war Mathias nicht mehr heraufgekommen, und Heinrich hatte ihn auch nicht aufgesucht. Ein bitterer Hochmut hatte ihn erfaßt, der allen denen als Helfer kommt, die sich ungerecht verurteilt glauben.

Was hatte er getan? Er war gegen sich selbst und gegen sein bestes Gefühl nicht treulos geworden. Deshalb hatten sie ihn verlassen, alle verlassen in wenigen Tagen. Manchmal lachte er auf, wenn er daran dachte.

So mochte es sein! So würde er sich darein fügen und keinem mehr ein gutes Wort geben, so tot sein für sie alle, wie sie für ihn waren.

Die Einsamkeit spann ihn ein, aber sie brachte ihm keinen Frieden; sie band nur seine Seele fest, daß er alle Qualen widerstandslos erdulden mußte wie ein Kranker, der auf die Bank geschnallt wurde, an sich schneiden und brennen läßt.

Solange er draußen auf dem Felde war, war's erträglich, aber in dem leeren Hause packte ihn oft das Grauen. Und wenn die Abende kamen, saß er allein und fürchtete sich am eigenen Herde.

Dann meinte er, es gäbe nur einen Ort auf der Welt, wo es schrecklich sei: diese Heimat.

Oft überdachte er sein Schicksal. Schuldlos hatte er die Heimat verloren, hatte um eine neue Heimat gelitten, gekämpft, gebangt, hatte von allen den Millionen auf der großen, weiten Erde ein paar Menschen gefunden, die es gut mit ihm meinten, und auch diese wenigen wieder verloren.

Warum? Darüber brütete er. Wenn ihn ein Groll erfaßte gegen seine früheren Leute, dann war ihm noch wohl. Da war doch ein Kraftgefühl in seiner matten, vereinsamten Seele. Aber Stunden kamen, wo sich neben die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd setzte, ihre Tochter: die Reue.

Das sind die Quälerinnen. Die alte, häßliche, dürre Mutter Einsamkeit hält den Armen fest mit ihren Spinnenfingern, bindet ihm jedes Glied, lähmt ihm jeden Muskel, umschließt ihm Mund und Ohren, daß er nicht schreien, nicht fortlaufen, nicht Hilfe holen kann, und derweil treibt ihr grausames Kind, die Reue, ein bestialisches Spiel, sticht und kratzt, brennt und schneidet, preßt das Herz zusammen mit rauhen Händen, greift durch die Stirn in den Kopf hinein, lockert dort Faden auf Faden, zerreißt die Stränge des Willens, trübt und verrückt die Bilder klarer Vorstellungen und gießt ein schleichendes, tödliches Gift in das wallende Gefühl. Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes Weib mit lahmen Händen und traurigen Augen, und vermählt sie dem Opfer zu unlöslicher Ehe, oder ihr scheußlichster Sohn, der Wahnsinn, kommt und mordet ihn ab.

Heinrich Raschdorf hielt still. Manchmal dehnte er ein wenig die Glieder gegen die Bande, aber als der trübe November kam, gab er sich mutlos verloren.