Es waren gute, liebe Menschen gewesen. Sie waren gegangen. Folglich war er schuld, war er der Schlechte, sie die Gerechten. In diesem Zirkel bewegten sich schließlich beständig seine Gedanken.
So stand er an den Ofen gelehnt, indes draußen der weiße Nebel braute. Seit Mittag hatte er mit keinem Menschen ein Wort gesprochen. Und da war es auch nur ein Knecht gewesen, den er etwas gefragt hatte.
Wo war seine Kraft geblieben, der Mut, den er noch hatte, als er mit Mathias und Lene sprach, der Trotz, mit dem er schließlich die Schwester ziehen ließ?
Die Einsamkeit hatte ihn mürbe gemacht.
Jetzt trat er ans Fenster. Vielleicht, daß er einen Menschen vorbeigehen sah. Das würde ihm wohltun. Und dann – dort drüben wohnte das Mädchen, um dessentwillen alles gekommen war. Als Mathias und Lene ihn verlassen hatten, war stundenweise eine wilde Lust in ihm gewesen, ein Freiheitsgefühl, der Gedanke, erlöst zu sein von einer falschen Heimat, die Möglichkeit zu besitzen, nun sein Glück zu suchen, sein einziges, sein wahrhaftiges Glück.
O, wie liebte er die Lotte! Seit jenem Maitage war ihr Bild nicht mehr aus seiner Seele gewichen, was er auch getan hatte, es zu verhüllen. Eine taumelnde Freude hatte ihn erfaßt, wenn er das Mädchen einmal sah, und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung und Sünde, es kam immer wieder, immer in tiefgeheimer süßer Wonne.
Und auch jetzt, wie er so hinüberblickte, sah er sie. Sie trat, zum Ausgehen angekleidet, in die Haustür und spähte nach den Fenstern des Buchenhofes herüber. Heinrich wollte zurücktreten in die Stube, aber sie hatte ihn schon gesehen. So sahen sie sich ins Gesicht, wohl eine halbe Minute lang. Sie stand ganz bewegungslos, und ihr Blick hatte etwas Forschendes. Dann neigte sie grüßend ein wenig das Haupt und ging hinab nach dem Dorfe.
Heinrich geriet in schwere Aufregung. Die Stunde war da, wo er tobte gegen die Fesseln der Einsamkeit. Mit tausend Armen winkte es ihn hinaus aus diesem fürchterlichen Hause, das keine Heimat war, das nie eine gewesen war.
Wie ein Rausch kam es über ihn; die Bangigkeit fiel von ihm ab wie ein toter Plunder, das Blut floß wieder jung und schnell durch die Adern, und der Wille straffte sich zu dem Entschluß: Geh ihr nach! Geh zu dem jungen, schönen Mädchen! Bei ihr ist Rettung und Glück!