Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben. Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in übergroßer Aufregung getrunken.
Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese Stunde der Aussöhnung, und der – war betrunken. Er hatte nichts anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.«
Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit, daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb.
Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen hatte, um eine Begegnung zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen.
Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen. Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen.
Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag, so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es gehörte, wußte, daß es keine Heimat war.
Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? –
»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam.
Das Mädchen sah ihn freundlich an.
»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz nahe an ihn heran.