Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht, entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor Aufregung glühenden Wangen zurück.

»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung. »Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin. Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren leisten!«


Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an Heinrich. Eine Stelle darin hieß:

»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein, weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn der Liese geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt, daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben, aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht, Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen. Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen kann. Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten Du, mein lieber Heinrich.«

Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte er sich auf das Sofa und schloß die Augen.

Sie war wieder zu Hause!

Zuerst war es ganz still in ihm. – Aber dann begann das Blut zu hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging. Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß.

Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte!

Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies.