Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft wieder faßte.
Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild.
Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte selbst geküßt hatte im Herbstnebel.
Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß, flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause.
Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder, die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst. Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer, den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt, wie ein Weib nur einen Mann lieben kann.
O, er mußte sie wieder haben!
Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie sehen!
In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen!