Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann plötzlich stehen.
Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte? Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er sich's nicht erst genauer überlegen?
So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln.
»Steigen Sie ein, mein Herr!«
»Danke – danke, ich fahre nicht mit!«
Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht hinaus, der Heimat zu – ohne ihn.
Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige, lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit.
In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu denken. So kam er auf den Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern. Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das richtige gefunden zu haben.
Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen. Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen, eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß:
»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte: Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief gelesen hast; sei wieder meine Braut!«