Es war Neujahrstag. Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib: zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen.
So ein Jahr kam für den Buchenhof.
Am Neujahrstage fing's an. Schräger war in die Stube getreten und hatte von Raschdorf erfahren müssen, daß sich dieser weder die vertrauliche Anrede »Hermann« noch das »Du« weiter von seinem Nachbar gefallen lassen wolle.
»So will ich mich auch nich erst setzen,« sagte Schräger gekränkt; »so will ich bloß kurz und bündig sagen, daß ich die 20 000 Mark kündige. Ich werd' dann noch einen Brief schicken, daß es gesetzmäßig ist. Adieu!«
Raschdorf rührte sich nicht und sagte auch kein Wort. Schräger ging langsam zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und sah Raschdorf fragend an. Aber der blieb völlig regungslos. Da ging Schräger aus der Stube.
Eine Stunde später brachte ein Knecht die schriftliche Kündigung und gab sie dem Buchenbauer persönlich ab. Unter dem Schreiben standen außer Schrägers Unterschrift noch die Worte: »Ernst Riedel, Gutsbesitzer, als Zeuge.«
Der Buchenbauer war ein anderer geworden, seit er aus dem Gefängnis zurück war. Er sprach selten noch ein Wort, er ging nie in ein Gasthaus, er schimpfte nicht mehr, er klagte auch nicht. Scheu und gedrückt brachte er die Tage dahin. Das Vieh, das bei den Bauern im Dorfe einquartiert gewesen war, hatte er verkauft. Er mochte keine Gefälligkeiten. So war er ein Bauer, der kein Stück Rind und kein Pferd mehr besaß und dessen Scheuern und Ställe in Schutt lagen.
Und am Nachmittag dieses Neujahrstages kam noch ein Bote und brachte einen Kündigungsbrief aus dem Dorfe über 5000 Mark, und außer dem Namen des Gläubigers stand unter dem Schreiben noch ein anderer unterschrieben »als Zeuge«.
Da sah der Buchenbauer mit einem langen Blick hinüber nach dem Kretscham und wußte, wer diesen zweiten Brief veranlaßt hatte.
Am Abend war die Familie zusammen. Sonst waren am Neujahrsabend noch einmal die Christbaumlichter angezündet worden. Dieses Jahr war es vergessen worden, eine Tanne zu schmücken.