»Raschdorf, um Christi willen bereuen Sie Ihre Sünden!«
Und der Geistliche, der am Bette stand, hielt ihm ein Kreuz hin.
Raschdorf starrte ihn gläsernen Auges an, dann verzog sich sein Gesicht wie zum Weinen, und er versuchte, das Kreuz zu küssen. Aber dabei verlor er schon wieder das Bewußtsein.
»Durch diese heilige Salbung und durch seine mildreiche Barmherzigkeit verzeihe Dir der Herr alles.« –
Gegen 4 Uhr war Hermann Raschdorf tot.
Am Fenster lehnten Frau Anna und Heinrich. Sie hielten sich fest umklammert. Der Winterabend lag auf der Flur, und über dem verschneiten Walde ging fahl die Sonne unter, die ferne Sonne, die uns doch unendlich näher ist als die Seelen der lieben Toten, die heimgegangen. Mit weißem, unbewegtem Gesichte schaute Frau Anna nach dem gelben Schimmer. Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe, den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat. In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.
Durchs Dorf flog die Kunde: »Raschdorf hat sich erschossen! Das Gewissen hat ihm keine Ruhe gelassen!«
Berger hatte es übernommen, die Träger der Leiche für das Begräbnis zu besorgen. Bauern werden sonst von Bauern zu Grabe getragen. Aber der erste Bauer, den Berger um den Liebesdienst ansprach, sagte, er habe nicht Zeit, und der zweite meinte, er habe die Influenza. Da spuckte Mathias Berger draußen vor dem Tore aus, fuhr nach der Stadt und bestellte einen Leichenwagen nebst den Leichendienern. Die kosteten viel Geld, aber sie kamen pünktlich.
»Geld ist etwas Gutes,« sprach der schlichte Philosoph bei sich selbst, »es ist oft viel zuverlässiger als die Nächstenliebe.«