Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekümmert. Sie hat wohl sicher Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat keine Freude an dem Mädchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie auf, läßt sie leiden.
Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich glaube nicht, daß sie an meiner Schöpfung viel Freude hat. Sie ist von stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdächtig.
Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flüchtig wiedergesehen. Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte die Mutter zu mir:
„Ich quäle mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen.“
„Quäle dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, daß er überhaupt existiert.“
„Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!“
„Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muß!“
Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und Trotz.
„Ich werde Joachim aufklären!“ sagte sie bestimmt.
„Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner Tochter geworden ist. Laß ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem völlig verfehlten Ichleben.“