„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig.

Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht:

„Ehrenerklärung.

Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als ‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst, Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist, hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit [pg 305]alle verdiente Anerkennung. Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘ ist, scheut sich nicht – errare humanum est – ihren gestrigen Artikel Wort für Wort zurückzunehmen.“

„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz.

Stefenson nickte.

„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich hierherkam.“

„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, direkt auf den Mist. Ist das anständig?“

Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme:

„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten an[pg 306]deren. Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht gefallen lassen.“