Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles. Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr gewußt hatten als ich. Eine [pg 311]Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte ich nicht mehr gelten lassen.

Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe, wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der „Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer Mensch „ja“ zu sagen vermag.

Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie erlernen. Rasse! Vererbung von [pg 312]Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte nicht – er hielt Cercle.

Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig.

Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An Piesecke dachte kein Mensch ...

Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.

„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist, weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über den Weg! Aber jetzt laß [pg 313]ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“

Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie.

„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau. „Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden, indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.