Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit [pg 373]Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen hätten.
Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete herbei – Grüße aus der Heimat.
Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.
Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:
„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und die Heimat. Eure Mutter.“
Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster, spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem Tale klangen.
Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein wenig rot im Gesicht.
„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.
„Ich habe es dir ja gebracht.“