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Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine „Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.
Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer [pg 64]Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie heißt du denn?“
Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“
„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“
Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am Arm.
„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“
Das Mädchen brach in Tränen aus.
„Sperren Sie mich nicht ein!“
„Warum soll ich dich denn einsperren?“