Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.
Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot bleibt.
Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt, ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der ärztliche Befund solche Genüsse verbietet, [pg 81]können sich unten am Fluß in der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken allen Widerständen begegnen.
Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für [pg 82]nächste Woche fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung, sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit Kindern von vier Jahren aufwärts, ad libitum Künstler und Artisten, Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner, Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten (Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates Friedensgericht.
Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung, sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste gedeckt werden. Daß die Arbeit [pg 83]immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft. So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt werden.
Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und Sonnenbäder und die Planschwiesen.
Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es wird [pg 84]nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse, Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll es tun.
Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische, befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die Tauben füttern, den Hühner[pg 85]stall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln, wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen.
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An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle, die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten, zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch Mineralwasser und Bäderzerstreuung.