„In einem Jahre?“
„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“
„Es ist dann aber auch danach.“
„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen. „Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei Tage Zeit dazu.“
„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“
Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.
Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns gewiß [pg 79]nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, Plätzen und Straßen großstädtischer Art.
Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein, ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden.
Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück vergangener Tage neu erstehen lassen.
Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen, unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann ist es für unsere Zwecke auszugestalten. [pg 80]Eine Bauernschenke denke ich mir, ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung, und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes Mädchen im Poetenwinkel kredenzt.