Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept: „Von jeder Art zwei Pärchen.“ Dazu sind alle Kinder geladen, die zum großen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, daß die Kleinen auf Stefensons Kosten die Gewänder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen gehören, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.
Der Festsaal war denn auch beängstigend voll – zugleich für Joachim die große Probe, ob er erkannt werden würde oder nicht.
Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die dem überseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der gläubigen deutschen Ausländerverehrung gesagt hatten, nun müsse es wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer [pg 133]Arzt mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustädter geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Ärzte.
Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt, daß nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson eine Hauptrolle übernehmen und ein kleines Liedchen singen würde. Ich verbarg mühsam meinen Schrecken.
Herder erzählte weiter:
„Ich habe mit der Kleinen – die Leute sagen, es sei die Tochter des amerikanischen Petroleumkönigs – eine Probe gemacht. Sie hat eine allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schüchtern.“
Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.
„Es ist unerhört ...“
Er wußte augenblicklich, was ich meinte.
„Gar nichts ist unerhört“, unterbrach er mich rauh. „Die Nichte von Mister Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muß auftreten, sie muß ihre Schüchternheit überwinden. He, Sie scheinen mir ein schöner Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente außer acht lassen wollen.“