Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“
Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen [pg 153]braunen Augen, und ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.
Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:
„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium Ferien vom Ich?“
„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“
Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.
„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“
„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich.
„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika wäre.“
„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus Amerika.“