Klaus lachte verlegen. Was würde Malte jetzt sagen? Doch Malte sagte nichts, er ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Als das Mädchen erschien, bestellte er Schaumwein. Ein plötzlicher Rausch war über ihn gekommen, seine Augen glänzten. Frauke blickte ihn erstaunt an: er war leuchtend wie damals in Harvestehude.

»Wir wollen dem Glück Willkomm bieten«, sagte er, als er die Gläser füllte. »Dir, Klaus, und uns! Ich habe heute mit Usadel abgeschlossen!«

Das Skelett im Hause

Harro kam nicht. Marfa saß am Fenster ihres Zimmers, das neben Güldenfeys Zimmer lag, sah über die Teiche hin und wartete. Ihr Leben war nur ein Warten. Die alten Weiden dort drüben begrünten sich, standen in vollem Laub, wurden fahl, starben ab. War es die Zeit, da die Primeln ihre Augen aufschlugen? Flossen die schweren Ströme des Lichts über die dürftigen Erdwellen von Heilisoe? Ging der Herbst in knisterndem Brokat oder standen die Bäume in winterlichem Rauhfrost wie arme bettelnde Waisenkinder? Sie wußte es nicht, sie achtete dessen nicht. Sie zählte nicht mehr nach Jahreszeiten, sie zählte nur noch Harros Besuche.

Seit ihr das Leben ihres Kindes entglitten, hing sie sich mit einem Verlangen, das sie verzehrte, an ihn, den Einzigen, den sie noch besaß. Haushaltssorgen hatte sie nicht, andre Beschäftigungen befriedigten sie nicht. Alles, was die Frau in dieser nothaften Zeit die Hände regen ließ, um den Schwestern zu helfen, schien Marfas Seele in jenem Kasernensaal in Riga verloren zu haben, wo täglich der Tod in die Schar der gefangenen Frauen griff und die auf ihn harrenden mehr quälte als die fortgeführten.

Harro! Warum mußte er fern von ihr sein? Während einer Zeit schrieb sie endlos lange Briefe an ihn. Sie gab es auf, als sie merkte, daß er nur die ersten Seiten las. Stieg er aus dem Bahnwagen, den sie, seit einer Stunde auf dem windigen Bahnsteig stehend, erwartet hatte, so überströmte sie ihn mit einer kindlich-stürmischen Freude. Doch am Abend schon begann sie die Stunden zu zählen, die sie noch von seiner Abfahrt trennten.

Er wurde warm, aber seine Zerstreutheit fand kein Ausruhen bei ihr, solange er den heftigen Puls ihrer Unruhe empfand. Von seinen politischen Dingen mochte er nicht zu ihr reden: sie duldete es, aber er wußte, daß sie alles haßte, was ihn von ihr trennte. Tröster ihres Leides konnte er nicht sein; vielleicht verstand er es nicht, jedenfalls konnte er nicht trösten, wo er selbst getröstet sein wollte.

»Marfa ist eine von denen, die suchen und sich darüber selbst verlieren«, sagte einmal Frauke.

Güldenfey sah sie überrascht an. Zuweilen tat Frauke einen Ausspruch, der wie ein Spalt in ihrer kühlen, verhaltenen Art erschien und Tiefen ahnen ließ. Aber man konnte nie hinabblicken, weil immer gleich wieder eine hochmütige Gebärde, ein frostiges Wort sich wie eine kalte Schicht darüberbreitete. Güldenfey allein ahnte, daß dieses hastige Zudecken nur Scham sei.

Frauke kam zuweilen, um Marfa zu besuchen. Es zog sie etwas in dieser Frau, die der Zukunft nicht froh ward, weil sie nicht vergessen konnte, an. Sie saß Marfa gegenüber, und wenn nach den ersten Worten das Gespräch stockte, betrachtete sie das schöne Gesicht in dem dunklen Flechtenrahmen grübelnd. Dann stand sie plötzlich auf und ging unter einem nichtssagenden Vorwand wieder fort.