Ja, wäre Güldenfey nicht gewesen! In die Tage eines aufreibenden Wartens trug sie Leben.

»Marfa, heut stäubt's um die Haseln im Teichwald, und der Haubentaucher schwimmt im gelben Rohr. Du mußt mitkommen und es sehen.« — »Marfa, gestern ist einer armen Frau im Sachsenviertel ein Kind geschenkt; komm mit mir, es wird dich freuen.«

Und Marfa, die nur ungern das Haus verließ, ging mit, stand wortlos daneben, wo Güldenfey bewunderte und lobte, und in ihre Wangen stieg ein leises Rot. Wie konnte Güldenfey an den langen Winterabenden erzählen! Nicht wie Ose, die in der Vergangenheit Bescheid wußte, sondern aus der Gegenwart: sie streute immer Blumen in die grauen Stunden, und ihre tröstenden Worte waren die goldenen Schlüssel, die die verschwiegensten Kammern erschlossen.

Sie war es, die auf den Postboten wartete und dann leuchtenden Auges ins Zimmer trat: »Marfa, hier ist ein Brief von Harro!« Und so kam sie auch an dem Morgen, da man die Osterpalmen aufgestellt hatte und alle Räume vom Duft jungen Wuchses voll waren.

Marfa las mit flimmernden Augen, das Papier zitterte in ihrer Hand. »Harro kommt,« sagte sie, »er kommt heute gegen Mittag.«

Und sie begann sich für den Gang zum Bahnhof zu rüsten, obgleich noch Stunden sie von dem Augenblick des Wiedersehens trennten.

Harro kam. Er sah angegriffener aus als sonst und war zerstreut. Sie merkte, wie ihre Zärtlichkeit an ihm abglitt und sah ihn besorgt an.

»Verzeih, ich bin achtlos«, sagte er und blickte dabei starr auf eine Menschengruppe, die sich mühte, einen Handwagen mit vielem Gepäck zu beladen. »Ich muß dich bitten, allein nach Hause zu gehen. Ich will Malte aufsuchen.«

Ihr ahnte nichts Gutes, sie wollte fragen, aber sein verschlossenes Gesicht drängte jedes Wort zurück. Sie ging allein nach Hause und sah mit zuckenden Lippen auf die Schneeglöckchensträuße, die sie zu seinem Empfang hingestellt hatte. —

Malte sah den Bruder verwundert an, als der eintrat. Es war die Stunde, da keiner vorgelassen wurde.