Häberle versprach es, doch seine Miene verhieß keinen Erfolg.

Malte stand auf und ging durch das Zimmer, sobald er allein war. Was bedeutete dies wieder? Schon einmal hatte Häberle ihm diese Frau gemeldet, und er hatte sie abweisen lassen; nun war sie wiedergekommen! Was mochte sie wollen? Sicherlich betteln. Er war erschrocken gewesen wie selten, als er erfahren, daß sie in der Stadt wieder aufgetaucht war. Der Schreck hatte sich wiederholt, als Klaus ihm erzählt, wie sie sich an Güldenfey gedrängt. Er hatte sich erkundigt, ob es keine Möglichkeit gebe, sie aus der Stadt unter irgendeinem Vorwand zu entfernen. Onkel Rolf hatte sich vergeblich bemüht. Nein, es war unmöglich. Sie lebte unbescholten, ihr Mann — irgendein Arbeiter — war krank, und sie ernährte ihn und ein fünfjähriges Kind. Am besten war es, man übersah ihr Dasein, ließ sie gewähren, solange sie die andern in Ruhe ließ.

Darüber war eine längere Zeit vergangen. Vielleicht wußten Leute in der Stadt darum und munkelten von alten Zusammenhängen. Man mußte es stillschweigend dulden, man hatte eben wie viele andre auch ein Skelett im Hause. Nur es nicht berufen! Nur nicht daran denken!

Aber nun war sie von selbst gekommen, ging um und störte die Ruhe des Hauses. Er hätte in ihr mehr Stolz vermutet. Aber solche Geschöpfe — wer wußte, wie tief die gesunken war! Klaus hatte gesagt, sie sei damals betrunken gewesen.

Was nun? Sie würde wiederkommen, o ja, sie würde wiederkommen, Malte wußte es. Wohl wäre es das einfachste, ihr Geld zu geben, um sie fürs erste loszuwerden, aber Geld stachelt die Begehrlichkeit an, sie würde wieder und wieder pochen, und was seit zwanzig Jahren begraben war, würde wieder in aller Leute Mund sein. Und dann das väterliche Verbot! Nein, sie von sich fernhalten, war das beste. Landgraf, werde hart!

Malte setzte sich nieder und begann etliche Schriftstücke durchzusehen.

Als er eine Stunde später das Haus verließ, trat ihm am Fuß der Treppe eine Frau entgegen. In diesen groben Kleidern und mit dem gealterten Gesicht unter einem zerdrückten Mützchen hätte er sie nicht wiedererkannt. War das die stolze Schönheit von einst? In seiner Erinnerung lebte ein Bild, das war biegsam schlank, trug ein seegrünes schillerndes Kleid und hatte rötliches Nixenhaar. Doch er hatte immer in heißem Groll daran gedacht und jeden Gedanken an diese Verführerin gewaltsam zurückgedrängt: ihr Bild hatten die Jahre undeutlich gemacht. Als jetzt sein Blick sie streifte, wußte er trotzdem, daß sie es war.

Sie trat auf ihn zu und grüßte. Er beachtete es nicht und wollte vorüber; da vertrat sie ihm den Weg. »Ich bin Frau Jobst«, sagte sie.

»Ich kenne Sie nicht«, sagte er hastig. »Bedauere, ich habe keine Zeit.«

»Wenn Sie mich nicht kennen, so ist das begreiflich«, erwiderte sie, ohne den Weg freizugeben. »Ich werde mich etwas verändert haben. Kurze Zeit hieß ich Frau Treß.«