Er blickte sie hochmütig an, dann glitt sein Blick an ihrer dürftigen Erscheinung nieder. Wie, wagte sie es, ihn daran zu erinnern? »Wenn Sie mich daran mahnen, so werden Sie wissen, daß wir nichts mehr miteinander zu schaffen haben.«

»Ich weiß es«, entgegnete sie fast demütig. »Aber ich will Sie sprechen, und man hat mir den Zutritt verweigert.«

»Meinen Sie, die Straße sei der passende Ort für ein Gespräch mit Ihnen?«

Sie machte eine schnelle Bewegung, als hasche sie etwas, das ihr entgleiten wolle. »Wenn es Ihnen unangenehm ist, mit mir gesehen zu werden, so bestimmen Sie die Stunde, in der ich Sie im Hause treffe. Mein Anliegen ist so dringend, daß ich darum bitten muß.«

»Ich sagte Ihnen, daß davon keine Rede sein kann«, sagte Malte. »Erlauben Sie, bitte!« Er trat zur Seite und ging schnell davon.

Aber sie blieb neben ihm. »Ich komme wieder und bitte: Schicken Sie mich nicht fort«, sagte sie. »Es würde nichts nützen, denn ich käme doch wieder und käme so oft, bis ich vorgelassen bin. Verlassen Sie sich darauf!«

Der Platz an seiner Seite war leer. Er atmete auf, als sei er einer Gefahr entronnen, bog nach einigen Schritten ab und blickte zu den Fenstern seines Hauses auf, um zu sehen, ob von dort aus Frauke Zeugin dieser Begegnung gewesen sei. —

Am folgenden Tage zögerte Häberle wieder vor dem Hinausgehen. Malte tat, als bemerke er nichts. Als er aber das Haus verließ, stand die Frau wieder an der Tür. Sie stand am Abend dort, sie erwartete ihn früh am Tage. Sie schritt vor dem Hause auf und nieder; er hörte ihre Schritte auf dem Pflaster, hielt sich die Ohren zu und vernahm sie doch. Er dachte daran, die Hilfe der Polizei anzurufen, gab aber den Gedanken sofort wieder auf. Man trieb sie fort, aber keiner konnte diese Beharrlichkeit tilgen, die neue Wege finden würde. Am dritten Tage war sein Trotz gebrochen. Er konnte sich nicht überwinden, sie rufen zu lassen, doch als er ihre Stimme vor seiner Tür hörte, wie sie Häberle zum ungezählten Male bat, sie zu melden, ging er hinaus und winkte.

Er preßte die Lippen fest aufeinander, als sie eintrat; er war mit Zorn bis zum Überlaufen angefüllt. Er, der jeder Dienstmagd den Sitz geboten hätte, ließ sie an der Tür stehen. Er hielt sich weit von ihr entfernt. »Ich will diese Komödie beenden«, sagte er. »Was wollen Sie? Aber, bitte, kurz!«

Sie nickte. In dem kalten Morgenwind, der über den Markt strich, mußte sie gefroren haben, denn ihre Hände waren rot und sie barg sie unter dem eng angezogenen Tuch. »Es ist mir damals eine Abfindungsumme gerichtlich ausgesetzt, die ich nicht annahm. Ich habe mich ohne sie durchgebracht. Ich würde auch heut nicht danach fragen, wenn ich allein stände und die Zeit nicht so drückend wäre. Ich habe keine Möglichkeit zu verdienen mehr.«