Malte wollte sie zurückrufen, sie bewegen, daß sie die Schrift mitnahm, doch das war zu spät. Sollte er sie ihr nachsenden? Aber er wußte ihre Wohnung nicht. Mochte sie uneröffnet liegen, bis sie sie abholte; lesen wollte er sie nicht. Mit spitzen Fingern ergriff er die Rolle und verschloß sie in seinem Schubfach. —

Seltsam! Es war Malte, als sei ein Fremdes in seinem Zimmer, wenn er allein war. Er empfand die Gegenwart eines andern, wie man sie fühlt, wenn jemand ungesehen in den Raum getreten ist. Das leise Rauschen einer Kleiderfalte, das Wehen eines Atemzugs! Mitten im Schreiben eines Wortes blickte er auf. Sahen von dort, aus dem Dunkel neben der Tür, nicht zwei Augen auf ihn?

Nervenüberreizung, sagte er sich und fuhr in seiner Arbeit fort. Doch das spukhafte Gewißsein einer fremden Gegenwart blieb. Er war endlich überzeugt, daß ihn die Papiere in der Lade erregten, und wußte doch, daß er sie nicht loswerden konnte. —

Den Stillen Freitag hatten die Geschwister im Treßhof zugebracht. Es waren seltsam gehaltene Stunden gewesen. Man hatte von Jörg gesprochen, dessen Wirksamkeit Aufsehen zu erregen begann, trotzdem er sich noch immer als ein Lernender bezeichnete. Dann — wie war es nur dahin gekommen? — hatte Marfa begonnen, Lieder ihrer baltischen Heimat, die sie in das Deutsche übertragen, mit leiser müder Stimme zu singen. Eins hatte Malte unerträglich schwermütig geklungen:

Wenn ich sterbe, werden keine

Klageglocken um mich gehn,

Wird an meinem Grab nicht eine

Seele weinend stehn.

Auch Harro war von der trübseligen Stimmung dieses Liedes angesteckt worden. »Laß das, Marfa!« hatte er unwirsch gesagt. »Wir haben genug, was unsre Stimmung verdüstert.«

Erschrocken hatte Marfa abgebrochen, und Frauke hatte bald danach Malte zum Aufbruch gemahnt.