Der Ostersonnabend verging in der üblichen Unruhe und Arbeitsunlust derer, die an die Vergnügen der Festtage denken. Malte sah das rege Treiben auf der Straße, hörte die Glocken, die das Fest einläuteten. In den Schmuckrosen des Rathausgiebels verglomm das Abendrot des Frühlingstages. Er erschien sich so verloren, so ausgeschlossen von der geringen schalen Freude, die den Menschen da draußen trotz aller Not verblieben war. Solche stimmunghaften Stunden taugten nicht für ihn. Mit dem Entschluß, zu arbeiten, ging er, als Frauke sich zur Ruhe zurückgezogen hatte, noch einmal hinab.

Aber da war wieder dieses unhörbare Atmen der fremden Gegenwart. Er kämpfte dagegen an und wurde doch des unbehaglichen Gefühls nicht Herr. Endlich, da es schon auf Mitternacht ging, schob er die Hefte zurück, entnahm dem Schließfach das Bündel und begann zu lesen:

Ich habe mich entschlossen, aufzuschreiben, wie alles kam. Wenn es andern nichts nützt, so gibt es vielleicht mir Klarheit und dient ihnen, ihr Urteil über die Verlorene zu mildern.

Ich habe nichts von Glück oder dergleichen erwartet, als ich verheiratet wurde. Im Gegenteil. Aber für die Neunzehnjährige war das Elend zu Hause unerträglich, und da es aus ihm keinen andern Ausweg gab als die Heirat, so griff ich zu. Unter welchen Bedingungen die Verbindung zustande kam, wußte ich freilich nicht. Mein Mann war der reiche Treß, das genügte. Er war bürgerlich — das war mir gleich; er war fünfundzwanzig Jahre älter als ich — damit hoffte ich mich abzufinden. Jedenfalls besaß er jugendliche Frische, war Kavalier und maßlos verliebt. Dies schmeichelte mir so, daß ich darüber vergaß, wie mein Herz andre Wege gegangen war. Was wußte ich denn damals von Welt, Menschen und ihren Herzen!

Mein erstes Ehejahr — ja, davon muß ich jetzt reden. Es gefiel mir eigentlich recht gut. Um die Kinder, besonders um die kleine Myrrha, durfte ich mich nicht kümmern, überhaupt an nichts rühren, was an die verstorbene Frau meines Mannes erinnerte. Doch das wollte ich ja auch nicht. Ich sollte mich putzen, mich vergnügen und ihn vergnügen, wenn er kam, um mit mir zu spielen. Das war im Anfang häufig, dann seltener. Als es seltener war, gefiel es mir besser. Denn obwohl mein eitles, unerfahrenes Herz daran Gefallen fand, merkte es doch unbewußt, daß ich wie eine Puppe gehalten wurde, die man aus der Hand legt, sobald es an ernsthafte Dinge geht. Wäre mein Mann zu mir wie ein Vater gewesen — es hätte mir vielleicht anfangs weniger behagt, aber ich wäre später nicht so leer dagestanden, als ich nach meiner Empfindung entscheiden sollte.

Das trat bald genug ein. Nach einem Jahre war ich einmal widerspenstig. Mein Mann wollte mich bestrafen und verreiste. Vor seiner Abreise kam er zu mir und sagte mir den Grund.

»Ich hoffe, du bist zur Vernunft gekommen, wenn ich nach einer Woche wiederkehre«, sagte er weiter. »Denke über dich nach. Willst du deinen Vater besuchen, so habe ich nichts dagegen.«

Er ging und ließ mich wie ein ausgescholtenes Kind zurück. Zu meinem Vater hatte mich während des ganzen Jahres nichts gezogen, dort erinnerte zuviel an eine freudlose Jugend. Doch als ich mich am zweiten Tage langweilte, lockte mich der Gedanke, es sei vielleicht recht hübsch, meinen Glanz im Lichte meiner früheren Umgebung zu spiegeln, und ich fuhr nach Hanneshof.

Es war das alte liederliche Treiben dort, dem entrückt zu sein eine Tante mich glücklich gepriesen hatte: mein Vater befand sich viel auf der Jagd; war er im Hause, so fanden sich Kumpane zu Trunk und Karten ein. Die Wirtschaft war jedoch wie früher in gutem Stand.

An einem Abend waren wir allein. Mein Vater begann von meiner Ehe zu sprechen. Ich glaubte, er wolle mich über das Verhältnis zwischen mir und Treß ausfragen, und malte meine Tage in glänzenden Farben. Aber das war es nicht. Schließlich kam es heraus: ich sollte bei meinem Mann für die Dargabe von Geld an meinen Vater eintreten.