Was blieb mir übrig? Ich mußte verdienen. Also trat ich in ein Geschäft, wo ich vornehmen Käuferinnen ihre Kleider vorführen durfte. Der Chef hatte mich lange gemustert und dann zufrieden gelächelt. Mir graute, aber es gab keinen andern Weg. Sollte ich Klavierstunden erteilen, Puppen ausstopfen oder Blumen auf Gläser malen? Die Auswahl war nicht groß, und vielleicht saß ich doch noch eines Tags an einem der langen Tische, an denen zwanzig Mädchen Fäden zupfen oder Federn sortieren. Vorläufig trug ich noch seidene Kleider, die andre kauften, und wohnte in einer Dachkammer.
Die Freude dauerte ein Jahr. Da verließ die erste Verkäuferin das Geschäft, und eine Woche später ließ mich der Chef in sein Zimmer rufen.
»Ich glaube, Sie verdienen hier nur recht wenig«, sagte er. Merkwürdig, daß ihm dies plötzlich einfiel!
»Sie können sich besser stehen, wenn Sie wollen«, fuhr er fort.
Ich schwieg und wartete. Plötzlich griff er nach meiner Hand.
»Nein!« schrie ich und riß mich zurück. Damit ging ich.
Einen Monat darauf stand ich wieder auf der Straße. Menschenströme liefen an mir vorüber, ich aber war allein, wußte nicht, wo aus noch ein. An diesem Abend betrank ich mich wieder bis zur Bewußtlosigkeit.
Wie viele Sprossen hat die Leiter, auf der man abwärts steigt, in das Dunkel, tiefer, immer tiefer? Ich habe sie nicht mehr gezählt, aber ich weiß, daß der Abstieg endlos ist. Ich saß nach nicht allzu langer Zeit wirklich mit neunzehn Mädchen an einem Tisch und falzte Papiere. Ekelhafte Luft, erniedrigende Reden, der ganze Brodem einer gärenden Lebenszone schlug mir Tag für Tag entgegen. Ich atmete ihn und stumpfte allmählich völlig ab, wurde eine andre und vergaß ganz, was ich gewesen war und wie ich hieß.
Aber eins hielt mich, daß mir der Schlamm nicht bis ans Herz stieg: der felsenfeste Vorsatz, meine Brotrinden mit meiner Hände Arbeit zu verdienen. Nicht mehr wollte ich, als satt werden. Alles andre war käuflich: Vergnügen, Ehre, Stellung, man mußte nur zahlen können.
Seit jenem Tage, da meine Ehe in die Brüche gegangen war, haßte ich das Geld, und jeder Tag hat es mir bestätigt, daß die Geldherrschaft der größte Fluch ist, der jemals über die Menschheit gekommen ist; daß die wahnsinnigen Eroberer, die Millionen Menschen opferten, und die großen Pestzeiten nicht halb so verderblich gewesen sind wie der Mammonismus. Es ist nicht wahr, daß er die Triebfeder von Arbeit und Kultur ist. Er züchtet die Genußsucht, den Zerfall und verdirbt jede Arbeit, weil er ein Geschäft daraus macht!