Sie nahm die Rolle und hielt sie hoch. Malte blickte sie jetzt wie gebannt an. Nun, da eine Glut sie durchströmte, erschien sie wie mit einem Schlag verändert; diese welken Gewänder ihres ärmlichen Aufzugs verschwanden völlig unter dem Glanz, der von ihrem Gesicht ausging. Das stolze Blut ihrer Ahnen war in der Dienenden aufgestanden und verschönte sie auf eine eigene Art. Mit der herrischen Gebärde einer aus dem Kerker kommenden Königin warf sie den Arm gegen Malte.
»Bisher war ich Ihre Schuldnerin, jetzt sind die Treß meine Schuldner!« rief sie. »Sie werden mich nicht wiedersehen, deren Freiheit Sie kaufen wollten, aber diese Stunde wird Ihnen keine Ruhe lassen, nie, nie, nie Ruhe lassen. Hier draußen auf dem Pflaster wird es auf und ab gehen, täglich, und wenn Sie glauben, das Glück, Ihr Glück zu ergreifen —«
Sie schwieg plötzlich. Eine Hand legte sich leise auf ihren Arm. Auch Malte war so benommen, daß er erst jetzt bemerkte, wie Güldenfey neben ihr stand.
»Bitte, sagen Sie ihm nichts Böses«, sprach Güldenfey. »Um Ihretwillen! Flüche fallen immer auf den zurück, der sie ausschickt.«
Beklommenes Schweigen.
»Malte, wer ist diese arme Frau?« fragte Güldenfey. »Können wir ihr nicht helfen?«
Sie erhielt keine Antwort. Malte hob wie abwesend die Schultern.
»Sagen Sie mir doch, ob ich etwas für Sie tun kann«, bat Güldenfey. »Wir haben uns schon einmal gesehen, ich erkenne Sie wieder.«
Die Frau starrte sie wie eine fremdartige Erscheinung an. Güldenfey lächelte ihr ermutigend zu. Und dieses ängstlich-herzliche Lächeln, das wie ein Geschenk war, zerschmolz Zorn und Starre zu gleicher Zeit.
Die Fremde wandte sich Güldenfey voll zu, beugte sich tief, tief vor ihr, wie man sich vor priesterlichen Menschen neigt, ergriff den Saum ihres Kleides und hob ihn an ihre Lippen.