»Das ist nichtig!« rief Güldenfey. »Ich bin ja Zeugin gewesen von dem, was sie gesprochen haben. Sollen meine Ahnungen mehr sagen, als in Wirklichkeit geschehen ist? Und dann: Ich habe Malte bedrängt, es mir zu sagen, und Malte hat mich an dich gewiesen.«

»So, das hat er getan?« sagte die Alte. »Und was wird, wenn ich nicht will?«

»Dann, Ose,« sagte Güldenfey und hob die Hand, ihre Worte bekräftigend, »dann suche ich so lange durch die Stadt, bis ich sie gefunden, und frage sie selbst. Es ist etwas Dunkles da, das geht uns nach, und ich weiß jetzt, daß es mit ihr zusammenhängt. Ich will es sühnen.«

Ose wußte: wenn sie so spricht, dann gibt es kein Entrinnen. War die Stunde da, die die Erfüllung bringen sollte? Sie blickte lange durch das Fenster in den blauenden Himmel.

»Sie ist deines Vaters zweite Frau gewesen«, sagte sie dann im Flüsterton.

Güldenfey sah sie sprachlos an. Sie hatte immer auf dem Weg hierher die Furcht vor Schreckhaftem gehabt, dies hatte sie nicht erwartet, und sie erlag ihm. Langsam sank die erhobene Hand nieder und tastete nach der Lehne des nächsten Sessels. Ihr geliebter Vater! Wann war das geschehen? Doch vor der Zeit, da ihr Denken begann. O Mutter!

Ose kniete vor der Sitzenden und umschloß Güldenfeys Hände, die kalt wurden, mit den ihren. »Kind, Kind, nimm es nicht so arg, es ist ja längst Vergangenes! Du kennst die Männer noch nicht. Gerade jene, die am glücklichsten in der Ehe waren, sind nach dem Tod der Frau hilfloser und verwaister als die Lebensklugen. Sie können sich nicht zurechtfinden, lassen sich betören und werden unglücklich.«

»Ja, ja«, sagte Güldenfey langsam. »Nun, erzähle, Ose.«

»Ach, Kind, da gibt es viel zu sagen. Du sollst aber nicht denken, daß dein Vater das Andenken der lieben Mutter nicht geehrt hat. Er verzehrte sich völlig darin, ging täglich nach dem Friedhof, konnte sich nicht genugtun, ihre Briefe zu lesen und in ihrem Zimmer zu sitzen. Wir sorgten uns um ihn, wir dachten, er würde daran zugrunde gehen. Aber wir wissen alle wenig voneinander. Was Trauer heißt, ist oft nur aufgesammelter Lebenshunger.«

»Sprich doch weiter, Ose!«