»Ja. Du warst noch nicht ein Jahr alt, als er eines Tages sich ganz erregt zu Tisch setzte. Ich bekam einen großen Schreck, dachte: Um Gottes willen, er wird doch nicht anfangen, zu trinken! Es war wie ein Rausch über ihn gekommen. Später hat mir Mellin erzählt, wie alles gekommen ist und was an jenem Tage begann. Es kam damals fast täglich der Baron Usfeldt in die Stadt, ein Spieler und Abenteurer, dessen wilde Streiche im ganzen Lande erzählt wurden. Für nichts hatte er Sinn als für Pferde, und so fuhr er denn seine glänzenden Gespanne in unsern Straßen zur Schau. An diesem Tage kutschierte er auch wieder hier herum, und neben ihm auf dem hohen Selbstfahrer saß die junge Baroneß Horn. Es ist viel gesprochen worden von ihr und ihm und ihr und ihrem Vater. Ich weiß nichts mehr, hab' auch damals nicht darauf geachtet. Was gingen uns die fremden Leute an!
An jenem Tage begegnete ihnen dein Vater und muß von Stund an behext gewesen sein. Sie hatte rotes Haar, und wenn sie lachte, dann glitzerte etwas in ihren Augen, das war nicht von dieser Erde. Engelke hat gesagt ... Doch das gehört nicht hierher. Kurz, dein Vater war wie von Sinnen. Auf der Straße ist er stehengeblieben, sie hat ihn angelacht, und er hat dem Wagen nachgestarrt. Dann ist er in die Krone gegangen, wo der Muck Usfeldt ausspannte, hat sich mit ihnen in der Weinstube bekannt gemacht; danach ist er, den Kopf voll wirrer Gedanken, nach Haus gekommen.
Einige Tage ist er zerstreut umhergegangen, jeder von uns war daran gewöhnt und fand nichts dabei. Aber dann hat er sich aufgemacht nach Hanneshof zum alten Baron Horn. Dort hat er leichtes Spiel gehabt, denn es hat nicht acht Tage gedauert, bis er versprochen war.«
»Der arme Vater«, sagte Güldenfey. »Aber das Ende, Ose.«
»Das kam schnell genug, Kind, nach kaum einem Jahr. Sie taugte nichts. Vielleicht wäre sie an anderm Platz etwas Rechtes geworden. Bei uns war sie nicht am Platz. Der Reiz, daß der erste Mann der Stadt um ihretwillen sich und andres vergaß, verflog bald. Laß es genug sein!«
»Doch dies, dies!« sagte Güldenfey. »Sie ist arm und elend.«
»Sie hat geerntet, was sie gesät«, entgegnete Ose hart.
»Nein, das ist es nicht, Ose. Du kennst soviel vom Leben und bist doch so hart. Du solltest sie sehen, und du würdest Mitleid mit ihr haben.«
Die Alte schüttelte den Kopf. »Mitleid? Es gibt viel unverschuldetes Elend heute, das man bemitleiden muß. Diese aber, die sich für Geld verkaufte —«
Güldenfey erhob sich und nötigte Ose damit, auch aufzustehen. »Jörg hat mir einmal geschrieben: Wessen Liebe völlig sein soll, der darf nicht richten«, sagte sie leise. »Wenn sie sich verkaufte, so wurde sie auch gekauft. Und wir alle ... Ach, Ose, mir ist zuweilen so bang um uns! Wie oft Malte sich wohl verkauft und Harro und alle von uns, die ihre Geschäfte machen. Ich glaube, es ist viel Schuld da, nicht nur von alter Zeit — du weißt, Balzer Treß, der fliegende Holländer! —, sondern auch aus jüngster Zeit, von Großvätern, Vätern und uns. Und das schwärt nun in dieser bösen Zeit aus.«