»Ja, ja«, sagte Ose. »Wolle Gott uns gnädig sein!«
»Ach, Ose, das sagen sie jetzt alle und seufzen und ringen die Hände. Aber das allein tut's nicht.«
Die Alte öffnete die kleinen Augen weit und blickte Güldenfey lange an. Ihr schien, als sei das Kind gewachsen und sei eine ganz andre, als sie vor kurzem war. »Was soll man tun?« fragte sie. »Was willst du tun?«
»Ich?« antwortete Güldenfey. »Ich werde gehen und die Frau suchen. Ich weiß nicht, was sie von Malte wollte, aber wer so ausschaut wie sie, der ist in Not.«
Ose hatte Einwände. Man müsse vorher Malte fragen; man dürfe sich jener nicht aufdrängen; sie sei es vielleicht gar nicht wert. Güldenfey käme in unliebsame Berührung. Endlich machte sie geltend, daß man doch nicht Haus bei Haus absuchen könne. Und den Namen der Frau? Ja, sie habe ihn wohl gehört, aber sie könne sich nicht besinnen.
Güldenfey schüttelte zu allem den Kopf. Sie fürchtete nichts, sie sah nur auf ihren Weg. —
Wenig später stand sie drunten in Mellins Wohnung. Der Packmeister stellte schnell die Pfeife, die er sich vor Tisch vergönnte, aus der Hand. Aber als Güldenfey die entscheidende Frage an ihn richtete, blinzelte er unsicher und gab vor, von nichts zu wissen. Um Dinge, die die Herrschaft angingen, kümmere er sich grundsätzlich nicht. Telge zu fragen, war nicht nötig. Aber Engelke! Doch auch Engelke versagte. In ihre klösterliche Abgeschiedenheit war wohl auch kaum etwas von diesen Ereignissen des Treßhauses gedrungen.
Aber als Güldenfey beim Fortgehen unter dem Torbogen des Heiligen Geist stand und etwas bänglich auf die volkreiche Straße am Binnenhafen hinaussah, kam ihr plötzlich das Gedenken an jenen nebelerfüllten Abend, da sie mit Engelke die Versammlung der Gemeinschaftsbrüder besucht hatte. Hanna Wilkens!
Sie fragte in dem Geschäftshaus, in dem die Näherin arbeitete, nach ihr. Nein, die Wilkens war hier nicht mehr tätig, doch man wußte ihre Wohnung. In einer halben Stunde hatte sie sie gefunden und ihr Anliegen vorgebracht.
Ja, die Blasse wollte ihr helfen und wußte auch sofort Rat. Die Straßenbahnverwaltung! Und dort sagten sie Güldenfey Namen und Wohnung der entlassenen Schaffnerin, auf die die Beschreibung zutraf.