»Das kann ich nicht wissen.«
Es war augenfällig: sie waren vor ihr geflohen, sie wollten nichts mit ihr zu schaffen haben. Am Vormittag mußte es geschehen sein, und schon nahmen andre von dem traurigen Raum Besitz. Güldenfey sprach auf die Frau ein, aber die wiederholte in ihrer derben Art, daß sie nichts wisse. Also vergeblich! Güldenfey blickte in das unwohnliche Zimmer. Einige Burschen standen dort und ließen die Flasche kreisen.
Der Wirt konnte keine Auskunft über den Verbleib der Familie Jobst erteilen, auch die Polizei konnte es nicht. Güldenfey war enttäuscht. Was hatte sie geben wollen! Und man nahm es nicht an, man zeigte, daß man trotz alles Elends der Hilfe nicht bedürfe, die so spät kam.
Und dennoch sollte sie ihnen kommen! Güldenfey beschloß, so lange zu suchen, bis sie gefunden hätte. Hanna Wilkens mußte ihr helfen. Und sie ging und fragte unermüdlich und fand mehr als sie suchte.
Was für ein furchtbares Gesicht war es doch, in das Güldenfey blickte! War dies das Antlitz des deutschen Volkes? Wie Metalle in der Erde die Gewächse des Bodens in Form und Farbe anders gestalten, so hatte die Not verändernd auf das Gepräge der Menschen gewirkt. Die Starre war da, das Seelenlose.
Stieg Güldenfey, einer gewiesenen Spur folgend, die düstere Stiege eines Hinterhauses in der Sachsenvorstadt empor, dann grinste es sie teuflisch an.
Aus der Tiefe des Treppenschachtes drangen die rauhen Laute eines Zwiegesprächs bis zu ihr empor, während sie Atem schöpfend vor einer Tür stand.
»Kommst du morgen mit uns?«
»Nein. Am Sonntag muß ich die Papierhaufen durchzählen, die ich in der Woche verdient habe.«