Und was zerbröckelte erst hinter den Türen dieser vielen Wohnungen, in die jetzt Güldenfey so oft schaute! Ja, wäre es nur der Hausrat allein gewesen! Doch die seelischen Werte, die verloren gingen, zu zählen, fand sich keiner. Die Starre, das Seelenlose nahm überhand, das Leben wurde mechanisiert.
War das der Giftodem des Tieres, das aus dem Meer stieg? Die große Lüge, von der die Schreier selbst glaubten, daß es die Sorge um das Wohl eines entrechteten Standes sein sollte, war nichts als Gottesfeindschaft und Streit wider den belebenden Geist?
Traurig kam Güldenfey an jedem Abend heim, wenn sie wieder nicht gefunden hatte, was sie suchte. O, sie wußte wohl, daß sie trauriger wurde durch das, was sie fand.
Einmal traf sie Oberst Helf auf der Straße. Er trug eine Blechkanne und war ausgegangen, um für seine kranke Frau etwas Milch zu kaufen. Er war von einem Laden in den andern gewandert und hatte nichts erhalten. Da, wo Milch vorrätig gewesen, hatte man unerschwingliche Preise gefordert.
»O kommen Sie mit mir, wir wollen sehen«, sagte sie, fühlte in ihrer Tasche, ob die Geldmappe darinnenstak, und erwog, ob Ose wohl Milch übrig hätte, wenn sie nicht fänden.
Sie suchten, und nach einer Stunde hatten sie ein wenig Milch eingehandelt und sie sogar bezahlen können. Der Oberst war glücklich und trug seine Kanne so stolz, als sei sie eine erbeutete Standarte.
»Nun darf ich mit Ihnen gehen und Ihrer Kranken einen guten Tag wünschen«, bat Güldenfey. Im stillen hoffte sie, daß sie Gelegenheit finde, ihm zu helfen.
Der freundliche alte Herr lehnte das Anerbieten nicht ab, aber die Blechkanne, die sie ihm abnehmen wollte, gab er nicht her. »Welche liebenswürdige Miene hat dieser Tag dadurch gewonnen, daß ich Sie traf!« sagte er. »Es fing heute morgen so verheißunglos an.« Und er erzählte, daß er unlängst ein Möbelstück verkauft habe, was man ja von Zeit zu Zeit tun müsse, um das Dasein zu fristen. Aber da sei das Steueramt gekommen und habe seinen Anteil an dem geringen Erlös gefordert. Heute morgen sei er dort gewesen, um vorzustellen, daß er das Geld nötig zu einer Anschaffung brauche; es war vergebens gewesen, man hatte ihm den Anteil entrissen.
Er blieb an einer Straßenecke stehen. »Lassen Sie mich hier Ihnen danken und Lebewohl sagen«, fuhr er fort. »Ich darf Sie doch nicht bitten, uns um diese Zeit zu besuchen. Meine Frau würde es vielleicht peinlich empfinden, weil noch nicht fertig aufgeräumt ist. Solange sie krank ist, muß ich für Ordnung sorgen, und da ich früh fortgegangen bin ...«
Güldenfey dachte: Welche Not spricht er mit diesen paar Worten aus! Ihr Herz lag ihr schwer wie Bergeslast in der Brust. »Wann werden diese Zeiten enden?« fragte sie.